Review: Ikkimel — POPPSTAR
POPPSTAR ist das zweite Studioalbum der Berliner Rapperin Ikkimel. Es wurde am 15. Mai 2026 über Four Music veröffentlicht und erreichte Platz 1 in den deutschen Albumcharts.
Nach dem kommerziellen Erfolg ihres Debütalbums FOTZE und einer umfassenden Europa-Tour zeigt Ikkimel mit POPPSTAR ein Album, welches ihre Story nach dem Durchbruch thematisiert.
Der Titel des Albums ist ein smartes Wortspiel: einerseits feiert Ikkimel damit ihren Status als „Popstar“ und andererseits verweist das doppelte P auf das Wort „poppen“. Ikkimel bricht hierbei gezielt das klassische Bild eines Popstars wie Taylor Swift oder Sabrina Carpenter, die üblicherweise ein skandalfreies Image und ein radiotaugliches Image pflegen. Ikkimel inszeniert sich als überlegene Figur, die ihren Erfolg auf den Trümmern bürgerlicher Moralvorstellungen aufbaut:
Reiß‘ die ganze Scheißstadt ab, bis sie brennt, alles wird gesprengt
— Ikkimel, „WAS JETZT“ (2026)
Und dann bau‘ ich mir ’ne fette, fette Villa in den Dreck, was jetzt?
Produktion & Soundästhetik
Musikalisch bleibt Ikkimel größtenteils ihrem Stil treu – Techno-Rap, schnelle Beats. Der letzte Track der digitalen Version des Albums sowie der Bonus-Track auf den physischen Versionen des Albums (CD/Vinyl) sind allerdings eher experimentell: mit „COUNTRY GIRL“ haben wir auf der einen Seite einen American-Country-Track und auf der anderen einen Walzer im ¾-Takt namens „FÜR SVENNI“.
Verantwortlich für die Produktion des Albums waren größtenteils Barré, Hardy X & Florida Juicy, aber auch GX488, jaynbeats, JUGGLERZ, Palazzo, Robbensohn, Ben Walter, Cosmic Hamza & The Cratez.
Auch stimmlich zeigt sich Ikkimel auf POPPSTAR extrem wandlungsfähig. Während ihr Flow auf den harten Techno-Rap-Beats gewohnt arrogant und rhythmisch präzise klingt, bricht sie diese gewohnte Stimmlage: auf „COUNTRY GIRL“ beweist sie ein überraschendes Gespür für eingängige Gesangsmelodien, während sie auf dem Walzer „FÜR SVENNI“ stimmlich so verletzlich, intim und nahbar klingt wie nie zuvor.
Inhaltliche Schwerpunkte
Reclaiming
Ein zentrales Motiv ist das sogenannte „Reclaiming“, also die gezielte Wiederaneignung von Beleidigungen. Das zieht sich wie ein roter Faden durch das Album. In „NOT TODAY“ bringt sie es direkt auf den Punkt:
Sie nennen mich Schlampe, ich nenn‘ mich Genie
— Ikkimel, „NOT TODAY“ (2026)
In „WHO’S THAT“ teilt sie zudem gegen die konservative Konkurrenz aus. Einerseits schießt sie gegen die oft toxische Männlichkeit im Deutschrap. Sie macht sich über etablierte Gangster-Rapper lustig, die sich zwar nach außen hin hypermaskulin und furchtlos geben, aber sofort in Panik geraten, wenn sie mit queeren Lebensentwürfen konfrontiert werden:
Gangster-Rapper haben ihre Eier rasiert
— Ikkimel, „WHO’S THAT“ (2025)
Aber fang’n an zu zittern, hör’n sie das Wort „queer“, haha
Andererseits entlarvt sie die Doppelmoral von Christfluencern auf Social Media. Sie kritisiert die Heuchelei derer, die im Netz Hasskommentare und Missgunst verbreiten, während sie sich gleichzeitig mit dem Deckmantel christlicher Werte und „Nächstenliebe“ schmücken:
Und noch ein kleiner Ratschlag, wenn du willst, dass ich stoppe
— Ikkimel, „WHO’S THAT“ (2025)
Nimm das Kreuz aus deiner Bio, du Fotze
Im Song „EIER LEGEN“ (feat. Baran Kok) greift sie den im Internet kursierenden Hate-Kommentar „Tötet es, bevor es Eier legt“ auf. Anstatt sich davon zu distanzieren, deutet Ikkimel den Kommentar selbstironisch zur eigenen Unbesiegbarkeit um.
Oh fuck, hätt man uns ma‘ abgetrieben
— Ikkimel & Baran Kok, „EIER LEGEN“ (2026)
Good luck, killt uns, bevor wir Eier legen
Ähnlich zeigt sich Ikkimel auf „GIFTMORD“. Sie greift im Intro einen Ausschnitt aus einem Podcast (ohne Lizenz) von „Coach Aaron“ auf:
Frau’n sind einfach von Natur aus hinterhältigere Wesen, sozusagen
— Coach Aaron im Podcast „NNG Podcast“, gesampelt in: Ikkimel, „GIFTMORD“ (2025)
Weil sie nicht diese Kraft haben, das hab‘ ich oft beobachtet
Frau’n plan’n oft hinterrücks
In der Hook bestätigt sie dieses Vorurteil und macht damit diese vermeintliche „Schwäche“ zur tödlichen Strategie:
Frau’n brauchen kein Schimpfwort, unsre Waffe heißt Giftmord
— Ikkimel, „GIFTMORD“ (2025)
Ermorde den Hurensohn, wenn er grade nicht hinschaut
Frau’n brauchen kein Messer, das geht doch viel besser
Ich mach‘ mir nicht die Finger krumm für irgendein’n Stecher
In eine ähnliche Kategorie des Reclaimings geht auch der Track „WANDERHURE“. Ikkimel nimmt hier eine Begrifflichkeit, die traditionell zum Slut-Shaming genutzt wird und deutet diese zur absoluten sexuellen und finanziellen Selbstbestimmung um. Adressat ist die Personifikation der bürgerlichen Spießigkeit „Ute“, der Ikkimel ihre Lebensweise mit Freude unter die Nase reibt:
Wanderhure, Wanderhure, nein, ich mach‘ nicht langsam, Ute Guck mich dabei an, wenn ich ein Kunststück an sei’m Schwanz versuche
— Ikkimel, „WANDERHURE“ (2026)
Femdom, BDSM & Kinks
Ikkimel etabliert auf POPPSTAR eine radikale weibliche Dominanz, die vor allem im BDSM- und Fetisch-Kontext stattfindet. Auf „KINK“ inszeniert sie sich als dominante Herrin, untermalt von einem humorvollen Telefonat-Skit, bei dem Kinder verzweifelt versuchen, ihren Vater aus Ikkimels Backstage-Bereich zu retten:
Ist es wirklich wahr, dass mein Vater bei dir Backstage war
— Ikkimel, „KINK“ (2026)
Und wie ’n Spanferkel nackt niederknien musste? Ja!
In „FACESITTING“ dreht sie den Spieß der männlichen Objektifizierung komplett um. Wer sich weigert, wird kurzerhand gecancelt:
Frauenfeind ist, wenn er Arschloch nicht leckt
— Ikkimel, „FACESITTING“ (2026)
Ich hetz‘ die Fans auf ihn so lange, bis es ihm schmeckt
Diese Form der Umkehrung hat ihren Peak auf dem Track „MAMI“. Hier wird der klassische Macker zum Lappen herabgestuft, der die Wohnung putzt und Einkäufe erledigt, während Ikkimel das Geld verdient:
Der kleine HS sieht ziemlich tuff aus
— Ikkimel, „MAMI“ (2025)
Räumt die Spülmaschine aus und dann nennt er mich Mami
Kapitalismus & Freundschaft zwischen Frauen
Trotz der radikalen Ablehnung ausbeuterischer patriarchaler Strukturen fungiert die loyale Freundinnenschaft als emotionales Rückgrat des Albums. Während Männer in Tracks wie „GIFTMORD“ lediglich als Ressourcen betrachtet werden, ist der Zusammenhalt unter Frauen ein starker Punkt. Das wird vor allem auf „TIPPS VON MIR“ deutlich:
Vergiss nie deine Freunde, wenn du hast viel Bares (Vergiss sie nicht)
— Ikkimel, „TIPPS VON MIR“ (2026)
Ikkimel inszeniert sich als globaler Popstar, der Steuern in Millionenhöhe zahlt und zwischen Marseille, Bombay und Traumstränden pendelt. In „KOKOSNUSS“ feiert sie den unkomplizierten, ungebundenen Sex im Urlaub unter Palmen:
Uh yeah, Sex am Strand
— Ikkimel, „KOKOSNUSS“ (2026)
Sex on the Beach und auch Sex ohne Nam’n
Mach’s mir aufm Speedboot oder aufm Vulkan
Ich versteh‘ kein Wort, aber er gibt mir Schwanz
Ein weiteres Highlight von POPPSTAR ist „SCHERE“, die dritte gemeinsame Single mit Pintendari, einer von Ikkimels besten Freundinnen. Der Song feiert die Unabhängigket von Männern und stellt klar, dass diese in Ikkimels Welt nur zum „Pfandflaschen sammeln“ oder „Anschaffen gehen“ gut sind:
Männer geh’n ab jetzt anschaffen
— Ikkimel & Pintendari, „SCHERE“ (2026)
Sein Geld, unser Geld, abdampfen (Eh-eh)
Während wir uns gegenseitig anfassen
Sammelt der Bastard paar Pfandflaschen
Außerdem ist auf den physischen Varianten des Albums (CD/Vinyl) ein Walzer im ¾-Takt enthalten, den sie an eine ihrer besten Freundinnen Svenni gewidmet hat. Der Titel trägt deshalb den passenden Namen „FÜR SVENNI“. Außerdem zeigt der Track die Schattenseiten des Lebens in der popkulturellen Öffentlichkeit. Während Ikkimel in den restlichen Songs des Albums ihren Reichtum feiert, thematisiert sie in „FÜR SVENNI“ die Isolation von ihrem ursprünglichen Umfeld.
Sie beschreibt das Paradoxon, im Luxus zu leben, aber gleichzeitig die zwischenmenschlichen Momente zu verpassen:
Hab‘ so viel erlebt, aber alles verpasst
— Ikkimel, „FÜR SVENNI“ (2026)
Schwimm‘ in Champagner, den ich nicht mal so mag
Der Song reflektiert ein Schuldgefühl gegenüber Svenni, da der kommerzielle Erfolg sie räumlich und zeitlich bindet:
Ich bin so oft nicht da, wenn du weinst, tut mir leid
— Ikkimel, „FÜR SVENNI“ (2026)
Besonders deutlich wird dies nochmal in den folgenden Zeilen:
Zu spät beim Geburtstag, doch ich kann dir alles kaufen
— Ikkimel, „FÜR SVENNI“ (2026)
Bin immer unterwegs, ich wär gern mit dir draußen, so wie früher
Indem Ikkimel hier den Walzer als Genre wählt, bricht sie radikal mit dem restlichen Stil des Albums. „FÜR SVENNI“ verleiht der Kunstfigur Ikkimel eine zunächst unerwartete Verletzlichkeit, die den Lifestyle der anderen Tracks in ein melancholisches Licht rückt.
Abschließende Worte
POPPSTAR zeigt erneut, dass Ikkimel kein One-Hit-Wonder ist. Ikkimel zieht ihr Ding durch, ohne sich zu rechtfertigen. Wer damit nicht klarkommt, kann gerne weiter Taylor Smith (Everyone?!) oder Sabine Tischler hören. 10/10 Album. Meine persönlichen Favorites vom Album sind auf jeden Fall „WHO’S THAT“, „EIER LEGEN“, „RECHTS RAN“, „SCHERE“ und „WANDERHURE“. Besonders toll finde ich aber auch die beiden „Out-of-Genre“-Tracks „COUNTRY GIRL“ und „FÜR SVENNI“.